aktuell news head de

News 27 KW Griechenland

Indien ist nicht Bollywood

Ausgrenzung, Hass und Gewalt sind für Christen in Indien Alltag. Die Verfolgung nimmt dramatisch zu. Dennoch wachsen die Gemeinden.

«Madam! Selfie, please?» In keinem anderen Land habe ich für mehr Handyfotos posiert. Keine Zugfahrt, kein Restaurantbesuch, kein Einkauf verging ohne neugierige Fragen und nette Gespräche. So viel Offenheit, so viel Freundlichkeit! Und was für eine Diskrepanz zu den erschütternden Berichten über die brutale Verfolgung religiöser Minderheiten in Indien.

Wir sind unterwegs, um Gemeinden zu besuchen, Partner zu ermutigen und Christen zu porträtieren, die unter der stark wachsenden Verfolgung leiden. Ihre Geschichten sind exemplarisch für das, was Millionen ihrer Brüder und Schwestern auf dem ganzen Subkontinent erleben. 2018 ist Indien im Weltverfolgungsindex auf den 10. Platz vorgerückt. Im Jahr 2011 lag das Land noch auf Platz 31.

Unausrottbare Gemeinden 
Doch nicht nur die Verfolgung wächst, auch das Christentum verbreitet sich. In Delhi treffen wir Reverend Vijayesh Lal, Generalsekretär der Evangelical Fellowship of India, der Evangelischen Allianz Indiens. Er erzählt ein Beispiel aus dem Bundesstaat Rajasthan, wo ein rechtsnationalistischer Politiker die Christen ausrotten wollte: »Dieser Mann schwor, innerhalb von drei Jahren den Bezirk Banswara [mit 100‘000 Einwohnern] christenfrei zu machen. Daraufhin gab es viele Angriffe, Pastoren wurden verprügelt und ins Gefängnis gesteckt, aber die Kirche ist umso mehr gewachsen.« Für Lal ist das ein Zeichen der Kraft Gottes: »Die Gemeinde ist Gottes Gemeinde. Und Gott sagt: Die Tore der Hölle werden sie nicht überwinden.«

Gebete machen einen Unterschied 
Ist Verfolgung also ein Wachstumsfaktor? Lal verneint:  »Weltweit heißt es in christlichen Kreisen: Wann immer Verfolgung über die Christen hereinbricht, wächst die Gemeinde. Das stimmt so nicht. Ob die Gemeinde wächst, hängt immer von der Reaktion der Christen auf die Verfolgung ab.« Lal fordert die Christen weltweit dazu auf, sich mit der politischen, sozialen und religiösen Realität Indiens auseinanderzusetzen: »Es gibt viele romantische Mythen, die mit Indien verbunden sind. Zum Beispiel, dass Indien ein tolerantes, gewaltfreies Land ist. Nein, Indien ist nicht Bollywood!« Wer genau hinschaue, stelle schnell fest, dass die Kirche in Indien leide. Deshalb ruft Lal zum Gebet für sein Land auf: »Wir brauchen Gebete mehr als alles andere, denn wir glauben, dass diese einen Unterschied machen.«

Schlecht fürs indische Image 
Gleichzeitig ermutigt der Generalsekretär dazu, eine Stimme zu sein für die indischen Christen: »Indien ist sich seines globalen Images sehr bewusst. Wenn die weltweite Gemeinschaft der Christen sich zu Wort meldet, dann kann sich die Situation bei uns verbessern.« Lal fügt ein Beispiel an: »Bei einem Treffen mit dem indischen Premierminister warf uns dieser vor, die negative Berichterstattung über die Christenverfolgung in Indien schade dem Image der Nation. Daraufhin fragten wir ihn, was denn seiner Meinung nach effektiv den Schaden verursache: die negativen Berichte oder die Tatsache, dass diese Vorfälle wirklich stattfinden.