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R 2020 4 Haiti Pastor MilienHaiti: Aufbau mitten im Chaos

Die unglückliche Kombination von Naturgewalten, Okkultismus und Misswirtschaft lassen den prachtvollen Inselstaat in der Karibik immer tiefer ins Chaos schlittern. Hier kann nur noch Gott helfen – durch Leute wie Pastor Milien.

Pastor Milien, du engagierst dich seit über 30 Jahren in Léogâne. Was tust du dort?

1984 begann ich, regelmäßig von Carrefour, meinem Wohnort, nach Léogâne zu pendeln, um auf dem Marktplatz das Evangelium zu verkünden. Viele fanden zum Glauben. Doch es gab kaum Gemeinden, wo ich die Leute hätte integrieren können. Also gründete ich direkt neben dem Marktplatz eine neue – mit anfänglich sechs Mitgliedern. Jeden Sonntag fuhr ich mühsam mit dem Bus hin, ein Auto hatte ich nicht. Aber Gott ließ die Saat aufgehen! Aus dem bescheidenen Anfang sind bis zum Jahr 2010 die größte Gemeinde und die größte Schule Léogânes entstanden.

Das Erdbeben im Jahr 2010 war ein Schock für Haiti – und ein Wendepunkt. Wie hat er sich ausgewirkt?
Ich schicke voraus: Gott ist immer und in jeder Situation gut. Die Nachricht erreichte mich in Kanada. Sofort reiste
ich hin. Mein Herz zerbrach in tausend Stücke! Das Erdbeben hatte alles dem Erdboden gleichgemacht, was wir in Léogâne aufgebaut hatten. Was sollte ich nur tun? Zu meiner Familie nach Kanada zurückkehren oder bleiben, um den Wiederaufbau an die Hand zu nehmen? Was hatte Gott mit mir vor? Kurz später rief mich mein Freund, Pastor Terry Nelson, an. Er machte mich mit Mitarbeitern von AVC/Nehemia bekannt. Diese planten, Léogâne mit Lebensmitteln zu versorgen und baten mich um Mithilfe. Ich schlug ein – und blieb im Land. Seitdem unterstützt AVC/Nehemia mein Wirken in Haiti.

Mit welchen Herausforderungen wurdest du in den vergangenen zehn Jahren konfrontiert?
Den Menschen Hoffnung zu geben – und alles von Grund auf wiederaufbauen, und das in einem zunehmend von Korruption, Gewalt, Entführungen, Protesten, Streiks und Plünderungen geprägten Umfeld. Das war die Herausforderung. In Haiti herrscht ein politischer und wirtschaftlicher Krieg, die öffentliche Ordnung ist weitgehend zusammengebrochen. Die Milliardenspenden sind nicht beim Volk angekommen. Das löst Wut aus. Unzählige Bewohner, vor allem die jungen, wollen nur noch eines: Das Land verlassen.

Trotz allem bist du dabei, dein Engagement noch auszuweiten.
Ja. Es war schon immer mein Wunsch, noch viel mehr Menschen zu erreichen, ähnlich wie in Léogâne. Haiti ist ein Drittweltland, weite Gebiete sind unterentwickelt. Ich sehe mich berufen, Menschen zu helfen und beizutragen, dass es mit meinem Land bergauf geht. Wo Kirchen entstehen, fließt Segen.

Der Hurrikan Matthew hat dich jetzt auch noch nach Cavaillon verweht. Was machst du dort?
Die Katastrophe hat den Süden Haitis schwer getroffen, die Lebensbedingungen massiv verschärft. Zusammen mit Leitern von AVC/Nehemia besuchten wir Cavaillon, um Hilfsmöglichkeiten auszuloten. Zunächst verteilten wir das Nötigste wie Nahrungsmittel, Medikamente – als Beitrag zum Überleben. Auch in der jetzigen Phase, wo die Familien nach und nach zurückkehren und versuchen, ihre Häuser und Existenzen wieder aufzubauen, bleiben wir da. Ziegen helfen beim Start in die Selbstversorgung. Hoffnung vermitteln wir auch durch das Evangelium, denn die Menschen dort sind hungrig nach Gott. Die Evangelisation 2018 hat zahlreiche Menschen derart berührt, dass inzwischen eine Gemeinde entstanden ist. Da steckt Gottes Plan dahinter; er kann auch Hurrikanen gute Nebenwirkungen verschaffen.

Und wie kommt diese Gemeinde in Cavaillon voran?
Ihr Umfeld ist ein Hexenkessel, stark verseucht durch Zauberei und Vodoo-Rituale. Es regnet kaum, und die Gegend ist überhaupt nicht erschlossen. Die Bewohner sind noch ärmer als im Rest Haitis. Dazu kommt, dass kurz nach der Gemeindegründung im August 2019 landesweite Blockaden wegen des Chaos in Regierung und Behörden errichtet worden sind. Banden treiben ihr Unwesen, morden, entführen Menschen. Die Leute sind wütend, begreifen, dass von den Milliardenspenden kaum etwas zum Volk durchgesickert ist. Sie inszenieren Proteste. International wird vor Reisen nach Haiti gewarnt. Sich dort zu bewegen, erfordert Mut – was unsere Arbeit natürlich erschwert.

Doch die Gemeinde, im August 2019 gegründet, entwickelt sich gesund. Sie trifft sich vorderhand in einer öffentlichen Schule und hat bisher all den okkulten, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen die Stirn geboten.